Die Bar Veronika ist ein Lieblingsort für entspannte Barkultur und eignet sich perfekt für einen Aperitif im New York Style. Die auf einem Goldtablett servierten Martinis mit exquisitem Minifingerfood gibt es sonst nirgends in Berlin, und schon gar nicht in Kombination mit einem nächtlichen Museumsbesuch. Uns gefiel es so gut, dass wir den ganzen Abend geblieben sind.



Vom Tacheles zum Fotografiska
Wer die Berliner Freie Szene-Institution an der Oranienburger Straße noch aus Tacheles-Zeiten kennt, wird im neuen Fotografiska die lediglich im Treppenhaus verbliebene Graffiti wieder erkennen. Ansonsten dominieren in den großzügigen, behutsam renovierten Räumen des Gastro-Museumskomplexes samtgepolsterte Bänke, warme Erdtöne und gedämpftes Licht: Das Interieur von Bar und Restaurant wirkt genauso sophisticated wie das der Schwester-Lokale im New Yorker Fotografiska. Dass die Food-Szene wie bei jeder Restauranteröffnung dieser Art zwanghaft Vergleiche zu New York, London und Paris heranzieht, ist so redundant wie schade – denn Berlin hat doch längst eine eigene Gastro-Identität gefunden. Was stimmt, ist dass die Tradition des Martini-Tray aus NYC kommt – und der ist dort so hochpreisig wie hier. Stolze 32 Euro kostet der Cocktail, und das für puren Wodka und einen Hauch Wermut?
Luxus-Wodka aus Polen
Ja, aber selbstredend kommt in der Veronika Bar eine Premium-Spirituose ins Glas. Der Chopin Family Reserve Wodka stammt nicht etwa aus Russland, sondern aus dem kleinen Örtchen Krzeskin in Ostpolen. Hier hat Tadeusz Dorda seinen außergewöhnlichen Luxus-Wodka (hergestellt aus jungen Kartoffeln und gelagert in gebrauchten polnischen Eichenfässern) entwickelt und in undurchsichtige Glasflaschen gefüllt, deren Design eher an Parfümflakons denn an die schnöde Schnapsbuddel erinnert. Nächste Überraschung: Was im (i)konischen Glas wie die klassische Olive aussieht, entpuppt sich als unglaublich delikater, mit Trüffel aromatisierter, unreifer Zwergpfirsich. Daneben ziert eine winzige Kartoffel mit Sauerrahm und Osietra-Kaviar das Tray. Kreiert hat es Cocktail-Spezialist und Veronika-Getränkedirektor Eric Alperin, der mit der Salzigkeit des Kaviars das Erfrischende des Wodkas herauskitzeln möchte.



Martini Donnerstag: Mini Tini mit Austern
Tatsächlich liebte die amerikanische Oberschicht im ausgehenden 20. Jahrhundert Martini Cocktails mit Kaviar. Der fiktive Martini-Fan James Bond hingegen, dessen berühmtes Zitat „geschüttelt und nicht gerührt“ mir meine Begleitung Martina in Erinnerung ruft, kombinierte Kaviar lieber mit Champagner. Für Martini-Einstieger:innen bietet die Veronika Bar nun jeden Donnerstag ab 17 Uhr einen „Mini Tini“ mit 3 Austern zum fairen Preis von 18,00 € an. Es gibt ihn wahlweise mit Wodka, Gin oder alkoholfrei mit dem Juniper No 1 von Laori.
All evening Aperitivo
Der Aperitivo lässt sich problemlos auf den ganzen Abend ausdehnen. Herausragend etwa das Carpaccio aus Hamachi und Jakobsmuschel, das kurz in Zitrusöl, Avocado, Korianderkresse und eingelegter kalabrischer Chili mariniert wurde und somit auf die oft extreme Säure eines Ceviche verzichtet. Die Cocktail-Karte sondern konzentriert sich neben Martini vor allem auf Pisco Sour und Espresso Martini (mein Favorit: der nur dezent süße und leicht kräutrige The Chatterbox mit Espresso, Wodka, Aquavit, Fernet und Minze). Ansonsten finden sich unter vier Kategorien erfreulicherweise zwei ohne oder wenig Alkohol. Am herrlichen „Airmail“ mit Rum, Honig, Limette und Champagner komme ich nicht vorbei, aber auch Martinas Sloe Fizz ist sehr gelungen.



Mehr Service geht nicht
Die Karte bietet Kleinigkeiten aus dem Veronika Restaurant, Sehr gut ein durch Meerrettich leicht scharfes, französisch grob geschnittenes Tartar vom Milchkalb mit Toast und Kaviar, während der Hummer im Challah Brot ein wenig salzig geraten ist. Als vegetarische Variante überzeugen Baby Beete mit Cashew-Creme, Brombeeren, Blut-Sauerampfer und Rote Bete-Dressing. Spaß macht auch der legendäre Carrot Cake. Das kleine Kunstwerk kommt als Mini-Torte und schmeckt betörend nach Honigkuchen, was wohl Roel Lintermans belgischen Heimat bzw. der Nähe zu Holland geschuldet sein dürfte. Auf einem Niveau mit der F&B-Qualität bewegt sich der hinreißend zugewandte Service. „Unser wichtigstes Einstellungskriterium ist, ob Freundlichkeit und Servicementalität unseren Vorstellungen entsprechen – die Leute müssen einfach zu uns passen“ erklärt General Manager Steven van Klaveren. Aus dem Ritz Carlton sind mit Pierre und Sarah zwei französische Vollblut-Gastgeber:innen ins Veronika gewechselt, Küchenchef Roel Lintermans war vorher im Grill Royal und unsere Kellnerin Donatella ist eigentlich Architektin.
Kulturort mit Kulinarik



Nicht zu vergessen übrigens das scheinbar aus der Zeit gefallene Gedeck mit zwei Zigaretten, das uns ungefragt, aber nicht minder stilecht zum Tray erreicht. Ich liebe solche unmoralischen Angebote. So rauche ich nach monatelanger Abstinenz tatsächlich beide davon mit großem Genuss auf der Terrasse. Glücklicherweise blieb es bisher dabei. Wir nutzen die Pause für einen Abstecher ins Museum und schauen uns die sehr sehenswerten Arbeiten des senegalesischen Künstlers Omar Victor Diop an – ein leuchtendes Beispiel für eine gut kuratierte, zeitgenössische Fotoaustellung. Nur durch das Treppenhaus ist die Bar Veronika vom Museum getrennt, das mit Öffnungszeiten bis 23 Uhr die lässige Verbindung von Kunst, Kulinarik und Cocktails möglich macht.
Bar Veronika im Fotografiska Berlin, Oranienburger Straße 54, Berlin-Mitte. Dienstag–Samstag, ab 17 Uhr; Küche geöffnet bis 0 Uhr.


